Das Haus am See

Das Haus am See

Es war einmal eine Meerjungfrau. Sie strandete auf einer Insel im Westen Kanadas, deren Einwohner ihr den Namen Vancouver Island gaben.

Die Meerjungfrau mit langem blondem Haar war alleine, und wenn sie ab und an aus dem Meer stieg und einsam auf einem Stein am Ufer saß, glänzte ihr Haar rötlich im Schein der untergehenden Sonne.

Ihr Haus war kein herkömmliches und war auch nicht in den Tiefen des Meeres zu finden.

Das Haus war ein rollendes Zuhause, es wurde von den Erdenbewohnern auch Wohnmobil genannt. Es hatte eine Länge von sieben Metern und glich einem gemütlichen kleinen Haus am See. Am See deshalb, denn es konnte immer dort geparkt werden, wo Wasser bis ans Ufer trat. So war die Nähe des Lebensraumes und Lebensmittelpunktes, das Wasser, für die Meerjungfrau stets zum Greifen nah.

Haus am See

Einst fuhr sie im Fahrerhaus sitzend das rollende Zuhause über den breiten Highway der Rocky Mountains. Diese zogen sich am Festland Westkanadas entlang. Hohe Gebirgswände endeten im weiten Tal und teils im schmalen Flussbett. Wasser war auch hier in greifbarer Flossennähe für die starke und souveräne Meerjungfrau, welche sich in den Fluten und Tiefen des Meeres, der Einsamkeit sehr wohl fühlte. Dieses Alleinesein war ihr lebensnotwendig.

Bevor sie mit einem anderen Wesen auf Vancouver Island landete, hatte sie eine wichtige Lebensaufgabe zu erfüllen: Für das andere Geschöpf da zu sein, während dessen letzten Lebensabschnittes.

Es musste ihm das Festland, die Gipfel der Berge und die weite Prärie, die zerklüfteten Landschaften und endlosen Wälder zeigen. So fuhren sie gemeinsam aus der mächtigen Stadt Calgary hinaus und hatten verschiedene Stationen im Nationalpark Westkanadas inmitten grandioser Natur vor sich.

Langsam wurde es mitten im September kälter. Zu den bisherigen Schlafsäcken wurden dickere Decken notwendig, um im eisigen Wohnmobil schlafen zu können. Die Standheizung brachte nur noch bedingt Wärme und einen Hauch an Geborgenheit.

Etwas Wärme konnten beide in den Thermalquellen der heißen Bäder in Banff tanken. Sprudelnd floss heißes Wasser aus dem Erdinnern ins Badebecken und beide genossen einige Stunden ein Wohlgefühl an Wärme und Geborgenheit.

Als an einem Morgen eine leichte weiße Eisschicht über den Grashalmen lag, zogen sie sich extra warme Fleecepullis und Daunenjacken an, um der Eiseskälte zu entgehen. Tapfer fuhr die Meerjungfrau das rollende Zuhause über die Schneedecke des Icefield Parcway. Gerade da war es extrem schwierig, denn der Schneegraupel verdeckte die Sicht und machte die Strasse zu einem einzigen Schneefeld.

Nach mehreren Tagen am Festland setzten sie das Wohnmobil mit einer Fähre über und begannen die letzte Etappe auf Vancouver Island.

Mittlerweile wurde es wieder sehr mild und der Meerjungfrau gefiel das Herbstwetter. Sobald lockten herrlich warme Sonnenstrahlen zu einem ausgedehnten Meeresbad.

Doch zuvor geschah etwas Sonderbares.

Die Reisebegleitung der Meerjungfrau saß vor dem Wohnmobil, entspannte friedlich auf einem Liegestuhl in der Sonne und fiel in einen tiefen Schlaf. Ein letztes Abendrot hauchte dem Wesen einen tiefen Atemzug ein. Der für es der Letzte war. Es versteinerte zu einem kantigen und teils sehr runden Stein aus Rosenquarz. Den die Meerjungfrau eines nächsten Morgen vom Boden aufhob und weit weit hinaus ins offene Meer warf.

Jetzt war für die Meerjungfrau die Lebensaufgabe beendet und sie konnte ein ausgiebiges Bad im Meer genießen, nach langer schwerer Zeit.

Es läutete für sie nun eine neue Zeit ein, die anders tickte. Denn die Meerjungfrau war in keine gewöhnliche Schublade zu stecken und sie schwamm immer gegen den Strom. Nur sehr wenige andere Wesen trafen ihr Herz. Denn herzlos war sie nicht, auch wenn sie nach außen aalglatt erschien, fischkalt oder „anders“ roch.

Die Meerjungfrau verließ für eine unbestimmte Zeit ihr „Haus am See“. So nannte sie ihr Wohnmobil, denn es war ihr egal, wo sie strandete.

Wichtig war nur Eines, dass jemand da war, der ihr Herz berührte.

Auf ihrer Reise durch die Tiefen des Meeres begegnete sie einem anderen Wesen, Meerjungfrau ähnlich und doch so anders. Sehr besonders. Ja, dieses Wesen traf mitten ins Herz und man teilte für eine Zeit ein Herz gemeinsam. Zwei Hälften schmolzen ineinander. Ohne Worte floss Kommunikation. Es war eine vertraute und angstfreie Zeit.

Aber auch diese Zeit war eines Tages zu Ende und jede ging ihren eigenen Weg weiter. Mit der Hoffnung zum Abschied, dass es kein Abschied gab, sondern ein Wiedersehen an einem anderen Ort. Um gemeinsam zu feiern, zu lachen, fröhlich und lustig zu sein.

Und wenn beide aneinander denken und für die Begegnung dankbar sind, hatten sie zum rechten Zeitpunkt, am rechten Ort sich gegenseitig verstanden, ihr Herz der Anderen ausgeschüttet und ein Lachen unter den Menschen verbreitet, das wiederum andere ansteckte und in ihren Bann zog.

Wenn du nun ganz leise in dich hinein horchst, kannst du sie beide lachen hören. Ich höre sie, ich sehe sie beide. Jeden Tag aufs Neue. Und immer wieder begegnet mir ein Lächeln auf meinem Weg, das Lächeln vom anderen Wesen.

 

Autorin: Kerstin
Website: Sonnenfernweh

Ich bin naturverliebt, kreativ, bunt-zitronig und lache täglich mindestens einmal. Das trainiert herzhaft die Bauchmuskeln, die Gehirnwindungen und erfreut die Gesundheit des Herzens. Beruflich bin ich leidenschaftlich im Web unterwegs, kommuniziere und kommentiere mal hier und mal da, aber immer mit einem Sinn für Positives, für das Herz und den Verstand. Du willst mehr über mich lesen? Google doch mal Kerstin Paar, dann erscheint schon gleich meine Website, die da lautet Kerstin-Paar.de - freu mich von dir zu lesen, schreib mir doch einfach mal ein paar Zeilen. Bis bald

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