Heiligendamm: Mit Molli zur Weißen Stadt am Meer

Heiligendamm: Mit Molli zur Weißen Stadt am Meer

[Reisereportage – ohne Auftrag]

Auf der Seebrücke Heiligendamm weht mir kräftiger Wind ins Gesicht. Ich trotze ihm. Der Blick über die Wellen fesselt zu stark und die Seeluft kitzelt in meiner Nase.

Rund zwanzig Jahre her, als ich das erste Mal auf der 200 m langen Seebrücke an einem Junitag stand. Damals besuchte ich einen Lieblingsmenschen, dem die gute Luft verschrieben wurde. Für einen Aufenthalt in der Median Klinik Heiligendamm. Damals lag eine lange Zugfahrt von Süddeutschland hinter mir, aber der Anblick der See überwältigte mich. Nicht nur das Wasser, sondern die Stimmung am Himmel über der Weißen Stadt am Meer.

Vor rund 20 Jahren mit einer analogen Kamera aufgenommen, das Seebad Heiligendamm an der Ostseeküste Mecklenburg-Vorpommern

Mit dem Molli stampfend zur Weißen Stadt am Meer

Die Änderung des Zugfahrplanes ab 1. Juli 2018 verkürzte die Anreise um eine Stunde. Das muss ich nutzen. Morgens fünf Uhr fuhr ich von Amelinghausen über Lüneburg, Büchen – Schleswig-Holsteins Bahnhof mit verwirrender Gleisnummerierung – zum Etappenziel Rostock, um mit einer Regionalbahn die letzten zwanzig Minuten nach Bad Doberan zu fahren. Danach begann die Erinnerung an meine erste Fahrt mit dem Molli. Der ältesten Schmalspurbahn der Ostsee. Für weitere zwanzig Minuten zu meinem Ziel „Heiligendamm“ zuckelte die Nostalgiebahn sicher auf den 900 mm breiten Gleisen. Sie dampft. Sie läuft. Wie damals als im Juli 1886 die erste Strecke von Bad Doberan nach Heiligendamm eröffnet wurde.

Der Molli wartet schon auf die Zugreise von Bad Doberan über Heiligendamm nach Kühlungsborn

Ende des zwanzigsten Jahrhunderts traute ich meinen Augen nicht. Beim Hochsteigen und Betreten des nostalgischen Waggons träumte ich nicht, aber es klangen Lieder in meinen Ohren von Richard Wagners Walkürenritt. So posaunend hörte es sich an, als bimmelnd die Bäderbahn durch die Wohn- und Einkaufsstraßen Bad Doberans fuhr. An Fahrt gewinnt sie ab der Rennbahn, um triumphierend in den Bahnhof Heiligendamm einzurollen. Ob sich die Politiker am G8 Gipfel ähnlich fühlten auf der Fahrt mit der Mecklenburgischen Dampflokomotive zum mondänen Grand Hotel Heiligendamm?

Lohnt sich heute noch ein Besuch von Heiligendamm?

Noch bevor das namhafte Hotel sauber herausgeputzt in exklusiver Strandlage stand, erkundete ich an unzähligen Stunden das Seebad, zum Sonnenaufgang, zum Sonnenuntergang, bei einem Glas Sanddornsaft am Strand. Es war Juni. Einem meiner Lieblingsmonate. Morgens dämmert es ab 3.30 Uhr. Abends scheint es nie dunkel zu werden. Erst irgendwann nach Mitternacht.

Dieses Spektakel wollte ich zu gern wiedererleben. Es war nur ein Schnuppern nach Seeluft. Für sechs Stunden nahm ich neun Stunden An- und Abfahrt in Kauf. Verrückt? Oh nein, liebe Leserin, lieber Leser. Keinesfalls.

Ich sah das „besondere“ Licht über der Weißen Stadt am Meer. Es zaubert Meeresfarben hervor, die mit der Strömung wechseln von türkis bis dunkelblau. Unbezahlbar.

Die Zeit verstrich schnell – oder blieben in Heiligendamm die Uhren stehen?

Östlich lief ich am Sport- und Hundestrand entlang in Richtung Börgerende. Da hatte ich ein kleines Haus mit Vorgarten in Erinnerung. Damals aßen wir in einem Strandkorb sitzend ein saftiges Stück Zitronenkuchen, tranken ein Glas Sanddornsaft. Die orangerote Vitaminbombe ist in reinem Zustand säuerlich. Verfeinert und käuflich erwerbbar ist sie mit einer Spur Honig gesüßt. Mein Mund gelüstet nach einem Schluck. Obwohl nicht mal 30 Stunden vergangen sind, als ich nachmittags im Café der Median Klinik Heiligendamm im hübsch angelegten Garten saß vor meinem Ostsee-Lieblingstrunk. Sehnsucht grummelt im Bauch beim Schreiben der Zeilen. Vorhin recherchierte ich nach dem Gästehaus K.

Gestern ging ich an ihm vorbei und sah mich, als glückliche junge Frau in dem Garten sitzend. Damals an einem Junitag mit dicker Jacke. Der Ostseewind ist ab und an tückisch.

Falls ich in dem Gästehaus in naher Zukunft für eine Mini-Auszeit kein freies Bett bekomme, dann habe ich eine Alternative in der Tasche. Am Strand sprach mich ein Einwohner Heiligendamms an, als ich am Kurtax-Automaten eben meine Kurtaxe zahlen wollte. Abgelenkt durch seine zufriedene Art kamen wir in ein interessantes Gespräch. Von meinem früheren Aufenthalt sprach ich und erzählte ihm, wie fasziniert mich diese Gegend hatte.

„Oh ja, hier ist es doch einfach schön, morgens um 7 Uhr wenn kein Mensch am Strand ist und die Sonne über dem Meer steht oder abends auf der Steinmauer sitzend den Sonnenuntergang bewundernd“.

Sehnsüchtigst sahen wir beide hinaus auf’s Meer. Schön, so eine Leidenschaft mit einem fremden Menschen zu teilen, den ich vor einer Minute noch nicht mal kannte.

„Die Häuser sehen zum Großteil ähnlich aus wie früher, das hätte ich mir nicht gedacht. Ich glaubte, sie wären alle längst saniert, verkauft und von gutbetuchten Eigentümern bewohnt“, meinte ich.

Das Gesicht des Mannes wurde finster. „Ach, hier gab es Querelen und Reibereien. Doofe Machtspiele um Geld. Denkmalgeschützte Häuser wurden absichtlich mit offenem Dach im Regen stehengelassen, nicht nur sprichwörtlich, leider in der Realität. Ein Haus wurde abgebrochen, zum G8 Gipfel wieder aufgebaut. Auch um den Zugang zur Seebrücke gab es Streit, und noch einiges könnte ich berichten. So traurig das sein mag, und doch liebe ich genau hier diesen Blick an den Strand. Ist das nicht schön?“

Still standen wir für einen Moment da. Rings um uns übertönte das Stimmengewirr der eisschleckenden Touristen nur die See. Die Wellen rauschten. Der Wind brachte die reine Seeluft direkt in die Nase. Dorthin sollte sie. War ich doch mitunter deswegen gekommen, für sechs Stunden Ostseelust schnuppern. Nicht zum letzten Mal. Das erzählte ich auch meinem Gesprächspartner am Strand. Wie ein gut vorbereiteter Reiseverkehrskaufmann zückte er aus der Satteltasche seines E-Bikes einen Unterkunftskatalog. Blätterte kurz und nannte mir die Ferienwohnung der Familie H., „für 28 Euro die Nacht, wirklich ein Schnäppchen“.

Schnell tippte ich die Telefonnummer in die Notizen-App meines Smartphones. Bedankte mich herzlich für den Tipp und wünschte dem braungebrannten rüstigen Best-Ager einen schönen Tag. Vielleicht bis bald wieder, hier an dieser Stelle, dachte ich im Weitergehen.

Das andere Strandende Richtung Kühlungsborn lockte mich an. Da stand das verwunschene Schlösschen, wie ich es schon damals liebevoll nannte. Offiziell nennt es sich Alexandrinen-Cottage. In Gedanken schmiedete ich eine Liebesgeschichte am Ostseestrand, vielleicht von einem Alexander oder doch einer Alexandra? Wer weiß, vielleicht kommt eines Tages der richtige Zeitpunkt zum Schreiben der Handlung.

Das Alexandrinen-Cottage etwas abseits des Strandes von Heiligendamm

Verwunschenes Alexandrinen-Cottage, eine ehemaligen Sommerresidenz

An der Beachbar des Grand Hotel Heiligendamm schüttelte der Barkeeper einen Cocktail und servierte dazu eine tüchtig dicke Flasche Champagner. Zwei blitzsaubere Gläser auf dem Tablett, eine Flasche und zwei Cocktails. Wer waren die Glücklichen?

Früher tummelten sich Kinder der Kinderferienlager und Studenten der Fachhochschule für Technik, Wirtschaft und Gestaltung Wismar nach dem zweiten Weltkrieg hier. Sie waren täglich umgeben vom einzigartigen Seeklima, der eindrücklichen Wolkenformationen bei einem nahenden Sturm oder wenn die Sonne vom Himmel lacht.

Das ehemalige Kurhaus Heiligendamm, heute wohnen Hotelgäste in ihm

Eine Seebrise holte mich von meinen Gedanken zurück. Ich suchte einen Aufstieg zu dem Wäldchen, um zum verwunschenen Märchenschloss zu kommen. Enttäuscht konnte ich nur auf einem neu gebauten Holzsteg unterhalb vorbeigehen. Ein hoher Zaun versperrte die Sicht. ‚Dort oben standen wir und machten Fotos‘. Damals knipste man „Selfies“ dem anderen zugewandt. Am Ende des Holzsteges führten Stufen zum Stein- und Sandstrand. In der Ferne sah ich den Kühlungsborner Strand mit seinen zahlreichen Hotels und Appartmentanlagen. Vergnügen, Freizeitvertrieb und Spaß. Mein Freizeitspaß sah so aus, ein Schritt im Kies, wartend auf die Welle bis das Wasser direkt die Fußspitze erreichte. Dann zusehen, wie schnell das Wasser wieder zurückfliesst, hinaus in die See. ‚Tschüss Du Welle‘, murmelte es aus mir heraus. Lachend stand ich da und freute mich auf einen nächsten Tanz der „Welle“.

Abschied und ein Wiedersehen

Berührt und glücklich, vor über zwanzig Jahren die weiße Stadt am Meer mit einem lieben Menschen erkundet zu haben, stand ich dankbar auf der Seebrücke und grüßte hinaus in die vier Himmelsrichtungen. Irgendwo hoch oben im Himmel saß jemand. Lächelte mich an. Ich lächelte zurück.

Achtsam schritt ich die Seebrücke zurück zum Bahnhof. Der Molli „rief“ zur Heimfahrt. Gelächter am Strand. Ein Hochzeitspaar? Die Glücklichen tranken in der Strandbar den letzten Rest der Champagnerflasche.

Begrüßen wird die Bäderbahn mich bald wieder in Bad Doberan, mit einer größeren Tasche in der Hand für ein paar Nächte in der Weißen Stadt am Meer …

Am Bahnhof Heiligendamm, der Molli nach Bad Doberan zurück …

 

Info

Gästeführungen in den Monaten Mai bis Oktober mittwochs um 11 Uhr und sonntags um 10 Uhr vom Treffpunkt Strandpromenade

Fahrplan der Mecklenburgischen Bäderbahn "Molli"
Web www.molli-bahn.de/fahrplaene-tarife/fahrplaene

Tourist-Information Bad Doberan & Heiligendamm
Severinstraße 6
18209 Bad Doberan
Web www.bad-doberan-heiligendamm.de/stadt-region/tourist-information.html
Authored by: Kerstin
Website: Sonnenfernweh

Ich bin naturverliebt, kreativ, bunt-zitronig und lache täglich mindestens einmal. Das trainiert herzhaft die Bauchmuskeln, die Gehirnwindungen und erfreut die Gesundheit des Herzens. Beruflich bin ich leidenschaftlich im Web unterwegs, kommuniziere und kommentiere mal hier und mal da, aber immer mit einem Sinn für Positives, für das Herz und den Verstand. Du willst mehr über mich lesen? Google doch mal Kerstin Paar, dann erscheint schon gleich meine Website, die da lautet Kerstin-Paar.de - freu mich von dir zu lesen, schreib mir doch einfach mal ein paar Zeilen. Bis bald