Heimat – welche Bedeutung geben wir ihr? | Buchrezension Haymatland von Dunja Hayali

Heimat – welche Bedeutung geben wir ihr? | Buchrezension Haymatland von Dunja Hayali

[Buchrezension ohne Auftrag]

Die Journalistin, Moderatorin und Autorin Dunja Hayali ist Deutsche. Was geschah oder passiert täglich gegen sie, dass sie im Buch Haymatland wiederholt äußert, dass sie in Deutschland geboren ist?

Es stimmt mich nachdenklich, denn bislang war mir das Thema Fremdenfeindlichkeit durchaus bewusst, aufgrund meiner Wohnsituationen jedoch glücklicherweise eher erspart. Man trifft auf das Thema Fremdenfeindlichkeit im Alltag, ja, doch ging ich nie diese Schritte bewusst, wie Dunja Hayali sie geht. Offen zu Demonstrationen, sucht das Gespräch, bleibt freundlich und aufgeschlossen, der Fremdenhass trifft in geballter Form auf sie ein. Trotzdem ist sie wie ich, in Deutschland geboren.

Persönlich erhält sie tagtäglich Post von Menschen, die ihr unendlich viel Böses wünschen, ja sogar den Tod, wie im Buch davon geschrieben wurde. In der Öffentlichkeit meldet sie, dass durchaus Befürworter und viel Gutes ihr entgegengebracht wird. Aber wieviel Gutes muss geschrieben und wieder gesagt werden, das einen bösen Brief aufwerten kann? Es macht mich nachdenklich (diesen Satz verwende ich bewusst in dem Beitrag öfters, weil mich das Buch und die Thematik sehr zum Nachdenken anregt).

Hinterfragen und reflektieren – das Buch Haymatland von Dunja Hayali ermuntert dazu

Reflektiert beobachtet, spürt die Autorin den Hass und seine verschiedenen Formen und Ausmaße. Bemerkenswert klug beschreibt sie die Menschen, die ins bodenlose und ohne Sinn ihren Hass an unschuldigen Menschen loswerden. Wo es am einfachsten ist, in sozialen Netzwerken, besonders Twitter, äußern sich Menschen ohne oder mit Klarnamen derart aggressiv und ohne Sinn, dass die Autorin in diesen Fällen sogar auch noch den Versuch unternimmt, die Hassbotschaften zu deuten.

Andererseits äußert sie, dass die Mehrheit der Bevölkerung reflektiert und mit Verstand agiert, trotz unzufriedener Lebensumstände oder aus Frust über die Politik, den Themen aus dem Leben von Bürgern.

Die Minderheit an Hatern versucht die Medien dahingehend zu beeinflussen, was sie täglich in den Medien zu berichten hätten und werfen mit unsäglichen Begriffen um sich.

Aus meiner Sicht auf die Medien, ich bezeichne jetzt hier seriöse Sender wie ARD oder ZDF, sowie die regionalen Sender, NDR, WDR, 3sat, etc. – berichten seit jeher über Zahlen, Daten und Fakten. Zugegeben, ich sehe mir nicht täglich Nachrichten an und kann hier in dem Punkt möglicherweise die Nuancen weniger gut wiedergeben, doch habe ich in Journalisten und Medien auch das Vertrauen, dass diese keine Fehlinformationen oder eine eigene Meinung wiedergeben und somit die Tatsachen verfälschen. Wenn jemand eine eigene Meinung wiedergibt, dann äußert die Person das in der Form wie, „meine persönliche Meinung dazu ist dies und jenes …“. Ich höre gerne hin, versuche nachzufragen, wenn ich merke, ein Zusammenhang fehlt mir an dieser oder jener Stelle. Denn Politik gehört nicht unbedingt zu meinen Lieblingsthemen und ich entziehe mich eher den allgemeinen Diskussionen. Doch wenn ich einmal einer Diskussion beiwohne, versuche ich über die Stimme, die Mimik und die Töne, den Hintergrund zu verstehen. Weshalb reagiert die Person nun darauf in dieser Art und Weise. Welchen Hintergrund bringt diese möglicherweise ins Gespräch mit ein.

Im Kapitel „Erosion der Sicherheit“ schraubt Dunja Hayali den Wert ihrer eigenen Arbeitsleistung zurück. Aus meiner Sicht dürfte sie sich öfters auf die Schultern klopfen und stolz auf ihr Tun und Wirken sein. Aber sie äußert sich in Bezug zum Lebenswerk ihres Vaters bescheiden. Sie schreibt, „mich erfüllt das mit Stolz, ein Wort, mit dem ich sparsam umgehe, aber hier passt das“.

Migration näher verstehen lernen

Als ich in den Anfangsseiten des Buches vertieft war, kam leise der Gedanke, „oh, so kenne ich Dunja Hayali gar nicht, es klingt so hart aus ihren Worten“. Ich versuchte es dennoch, das Buch weiterzulesen. Vermutlich fehlte mir ihre Stimme, ihre Augen oder auch die Mimik. Die momentan entstehenden Audio-CDs würden mir in der Situation sicher besser helfen. Aber ich wollte nicht länger warten.

In den späteren Kapiteln erkenne ich eine unglaublich reflektierte Wortwahl, die in Worten versucht auszudrücken, welche hasserfüllten Sätze einem begegnen, wenn man als Journalistin, Medienschaffende oder in einer privilegierten Situation ist. Ob bessergestellt oder nicht, spielt in meinen Augen keine Rolle.

Es darf niemals geschehen, dass eine Frau derart mit Worten angeschrieben oder angefeindet wird. Ich frage mich, ob man einen Mann gleichermaßen behandeln würde?

Eine Frau, die immer nach der Wahrheit sucht, die Realität aber nicht aus den Augen verliert, hinterfragt an vielen Stellen „unser“ Deutschland. Wie leben wir aktuell und wie soll es in Zukunft hier sein?

Mut für Offenheit zeigen

Differenziert hinzugucken, sich wehren und dagegen angehen, dazu ermuntert Dunja Hayali und wird scheinbar selbst nie müde dabei, es vorzumachen.

Ob sie als Vorreiterin, als Vorbild in der Öffentlichkeit zu benennen ist, möchte ich offen lassen. Im Grunde, und darum geht es mir, ist sie eine Frau, wie ich, wie Du liebe Leserin, die diese Zeilen liest. Mir geht es nicht um „höher“ oder „besser“ gestellt.

Ich habe ihre Worte schon so verinnerlicht, vielleicht bin ich auch Eine, die ähnlich denkt, aber bisweilen nicht so mutig ist, wie sie. Ich meide Auseinandersetzungen oder öffentliche Demonstrationen. Das kann durchaus an eigenen Prägungen und meiner Vergangenheit liegen. Es hindert mich aber nicht daran, gemeinsam mit anderen an Lösungen zu arbeiten und Ideen zu entwickeln.

Von daher bin ich auch jemand der sagt, „hinsehen, offen sein und bleiben, in den konstruktiven Austausch gehen und gemeinsam nach Lösungen suchen“, wo es gerechtfertigte Unstimmigkeiten gibt. Und sich gegen ungerechtfertigte Hassbotschaften zur Wehr setzen, sich nicht damit zu identifizieren.

Das ist auch der ausschlaggebende Punkt, weshalb ich hier und auf Amazon mich kundtue. Ich könnte still bleiben, verharren in dem, wie es immer schon war, aber wachgerüttelt haben mich die unzählig vielen offenen Fragen in dem Buch „Haymatland“.

Wie gehen wir mit fremden Sprachen um, die beispielsweise nicht aus den östlichen Ländern kommen? Sind wir den abendländischen Sprachen gegenüber toleranter? Wenn ja, warum? Auch dazu ermuntert die Autorin nachzudenken. In Alltagssituationen hinzuhören, helfen oder auch zu hinterfragen, woher der Missmut, der Ärger und die Wut kommen, wenn man hierzulande kein Deutsch versteht und als Angestellter sich outet. Unsicherheit einerseits, Irritation andererseits, treffen hier aufeinander. Wie kann man diese Situation künftig geschickter für beide Seiten lösen?

Ich merke selbst beim Schreiben der Zeilen, dass ich viele Fragezeichen verwende. Das Thema des Buches ist in meiner Welt eine Lektüre, die ich öfters zur Hand nehme, um zu ergründen und tiefer einzutauchen. Nicht nur einmal.

Dunja Hayali ist Preisträgerin der Goldenen Kamera 2016 der Kategorie „Beste Information“ – während ihrer Rede rann ein Tränchen hinunter, als ich vor dem Laptop ihren Worten folgte … Zudem unterstützt sie den Verein Gesicht Zeigen! Sie ist Botschafterin der Initiative Respekt! Kein Platz für Rassismus. Im Jahr 2018 erhielt die Journalistin für ihr Engagement gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit das Bundesverdienstkreuz am Bande.

Wo ist meine Heimat?

Im Lesen des E-Book erinnerte ich mich an die Zeit zurück, als ich den Neustart von Süddeutschland in den Norden von Deutschland machte. Die Entscheidung traf ich im Oktober 2015. Sah einige Monate zuvor in Berlin erschöpfte Menschen vor den Aufnahmestellen in Moabit.

Heimat ist da, wo ich bin

Ich sah es immer so, dass ich den Ort als „Heimat“ bezeichne, wo ich mich aufhalte. Selbst auf Reisen nahm ich einen Ort in den Bereich „Heimat“ mit auf, wenn ich mich wohl fühlte. Dazu gehören Annehmlichkeiten, die einem den Alltag erleichtern, aber auch die Menschen. Ob ich als Alleinreisende nun sehr viel Kontakt hatte oder weniger, spielte für mich keine Rolle. Denn ich kann es ja jederzeit ändern und in Kontakt treten. Ob im kleinen Supermercado an der Calle, im Strandcafé oder an der Bushaltestelle.

Ich bezeichne den Geburtsort und den zugehörigen Landkreis, oder auch den Nachbar-Landkreis in dem ich zuletzt wohnte, als „frühere Heimat“. In der nicht alles rosig war. Deshalb auch mein Wunsch nach Veränderung. Und da ich die Lüneburger Heide aus früheren Urlauben nie wirklich kennenlernte, war das ein Grund, sie einmal näher zu erfahren. Mit meinem E-Bike, das ich während meines Umzugs mir wünschte und im Jahr 2017 gönnte. Statt Auto ist das E-Bike für mich ein Fortbewegungsmittel um von A nach B zu kommen. Auch aus den Aspekten eines nachhaltigen Lebens, um Menschen zu begegnen und kennenzulernen, fahre ich gerne in meiner neu gewählten Region mit dem Rad. Und so entstand ein neues, wohlwollendes wertschätzendes neues Heimatgefühl, das ich über die Facebook-Seite „Dein Amelinghausen – 21 Heidedörfer“ versuche zu vermitteln. Dabei benutze ich auch öfters das Wort „unser“.

Beim Lesen des Buches wurde die Bedeutung „unser“ wieder deutlich. Was gehört mir? Was gehört der Gesellschaft und somit „uns“ allen?

Die Heimat ist etwas, das uns alle angeht, zum Wohle unserer Nachkommen.

Rezension Buch Dunja Hayali Haymatland

Zur Autorin Dunja Hayali - Journalistin, Autorin und Moderatorin -
erschienene Bücher: Haymatland (Ullstein Verlag)
mit Elena Senft: Is’ was, Dog? Mein Leben mit Hund und Haaren (Ullstein Verlag)
Infos zum Buch:
Buchtitel: Haymatland - Wie wollen wir zusammenleben?
Autorin: Dunja Hayali
Verlag: Ullstein Buchverlag, 1. Auflage erschienen am 12. Oktober 2018
Sprache: Deutsch
(als gebundene Ausgabe, E-Book oder Audio-CD erhältlich)
Gebundene Ausgabe: 160 Seiten
ISBN-10: 9783550200175
ISBN-13: 978-3550200175

Offenlegung gemäß Bloggercodex: Das E-Book habe ich über amazon gekauft und bezahlt. Unabhängig ist und bleibt meine Meinung. Ob kostenlos zur Verfügung gestellt für eine Rezension, oder (wie in meinem Falle) selbst bezahlt. 

Authored by: Kerstin
Website: Sonnenfernweh

Ich bin naturverliebt, kreativ, bunt-zitronig und lache täglich mindestens einmal. Das trainiert herzhaft die Bauchmuskeln, die Gehirnwindungen und erfreut die Gesundheit des Herzens. Beruflich bin ich leidenschaftlich im Web unterwegs, kommuniziere und kommentiere mal hier und mal da, aber immer mit einem Sinn für Positives, für das Herz und den Verstand. Du willst mehr über mich lesen? Google doch mal Kerstin Paar, dann erscheint schon gleich meine Website, die da lautet Kerstin-Paar.de - freu mich von dir zu lesen, schreib mir doch einfach mal ein paar Zeilen. Bis bald